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Der flexible Plan. Das Rokoko in der Gegenwart

23. September 2018 · 11:006. Januar 2019 · 17:00

Mit Werken von Leonor Antunes, Cornelia Badelita, Karla Black, Thierry Boutemy, Glenn Brown, Alice Channer, Edith Dekyndt, Anke Eilergerhard, Katharina Grosse, Jeppe Hein, Rachel Kneebone, Alexej Koschkarow, Lois Renner, Anri Sala, Markus Schinwald, Anj Smith und Pia Stadtbäumer.

Rokoko – zeitgemäß interpretiert: Die Ausstellung Der flexible Plan. Das Rokoko in der Gegenwartskunst beschäftigt sich mit dem ideengeschichtlichen und formenprägenden Fortleben des Rokoko in der heutigen Kunstproduktion.

Dabei ist der Bezug heutiger Künstler*innen auf das Rokoko mehrfach medial und intellektuell gebrochen. Die Natur, die im Zeitalter des Rokoko eine zentrale Rolle spielt, überführt beispielsweise Alice Channer in ihren Muschel- und Krabbenarbeiten in (post)industriell produzierte, hybride Objekte. Lois Renners Fotografien der Stiftsbibliothek Admont wie auch Markus Schinwalds zeit-genössische Fragonard-Adaption, Jeppe Heins Lichtinstallation Enlightenment (Aufklärung, 2002) und Pia Stadtbäumers opulent-freizügige Rokoko-Figuren bringen die divergierenden Pole des 18. Jahr-hunderts zusammen, welche die Spannbreite der Ausstellung bestimmen:
Der flexible Plan entspannt sich zwischen Aufklärung und Décadence, Zurückhaltung und Opulenz, praller Lebenskraft und morbider Schönheit.
Für diese Welt, in der alles zur Inszenierung wird, sind Abwechslung und Unterhaltung oberstes Gebot, Langeweile ihr Tod. So wundert es nicht, dass erotische Sujets, pikante und amüsante Geschichten die Motivik der Kunst und Literatur bestimmen, immer wieder durch neue Reize überboten (hierin nicht unähnlich heutigen TV-Unterhaltungsformaten). Und während die gesellschaftliche Ordnung der breiten Bevölkerung geradezu um die Ohren fliegt, tritt man auf adeliger Ebene den Rückzug ins Private an. Heute hingegen wird das Private öffentlich.

Exzessive Formen, laszive Farben, frivoles Spiel: Folgt man dem Klischee, so hat die Epoche des Rokoko, im Spagat zwischen Décadence und Aufklärung, das 18. Jahrhundert in ein gepudertes, pastellfarbenes Gewand gezwängt. Dem historisch distanzierten Blick hingegen präsentiert sich
diese Zeit als hochkomplexer „Dampfkochtopf“ unterschiedlichster, wenn nicht sogar gegenläufiger Interessen, die sich in der Folge über ganz Europa ergießen werden.
So beschreibt Voltaire das Rokoko zwar als das Jahrhundert der Kleinigkeiten (le siècle des petitesses) und befördert damit die Idee eines „Tapezierstils“ (Egon Friedell, 1929/1969), dem ein Übermaß an Dekor und Schmuck, an Vergnügen und inhaltsloser Ablenkung zu eigen sei. Zugleich aber legen Diderot und d’Alembert ab 1751 mit ihrem riskanten Projekt der Enzyklopädie die Lunte an den leicht entflammbaren Zündstoff der Revolution.
Dass die Enzyklopädie zu einer nie dagewesenen Wissensexplosion und zugleich zur antimonar-chistischen und antiklerikalen In-Frage-Stellung der gesellschaftlichen Welt geführt hat, ist unbe-stritten. Die neue Ordnung und Sichtbarmachung des Wissens brachten einen fundamentalen Umbruch mit sich, der mit dem Aufkommen und der Nutzung des Internets in unserer Zeit zu vergleichen ist.
Und während Diderot kämpferisch appelliert „Kein Pardon für Abergläubige, Fanatiker, Unwissende, Narren, Bösewichter und Tyrannen“ (aus dem Zeitalter der Fake-News betrachtet ein geradezu prophetischer Aufruf), wird im Boudoir, der anderen großen Bühne des Zeitalters, das intrigante (Lust-)Spiel perfektioniert: „Seien wir aufrichtig: in unseren Arrangements, die ebenso kalt wie frivol sind, ist das, was wir Glück nennen, kaum ein Vergnügen“ (De Laclos, Gefährliche Liebschaften, 1782).
Auch in den Bauten des Rokoko zeigen sich weniger politisch-repräsentative Funktionen als viel-mehr ihre Bestimmung, dem Vergnügen zu dienen. So wird für die Ausstellung das Lustschloss Morsbroich zur großartigen Bühne: Auf ihr entfaltet sich ein Panorama von Werken der Gegenwarts-kunst, die nicht nur virtuos mit der Idee des Frivolen spielen – wie die Arbeiten von Pia Stadtbäumer oder Alexej Koschkarow –, sondern auch die Räume inszenieren und atmosphärisch aufladen, wenn etwa Anri Sala das räumliche Erlebnis durch das Ephemere, das Akustische erweitert, Thierry Boutemy in seinen floralen Installationen die Grenzen zwischen Außen und Innen verwischt oder Katharina Grosse die Malerei in den Raum erweitert.
Kuratorinnen der Ausstellung sind Stefanie Kreuzer und Heike van den Valentyn.
Begleitend zur Ausstellung erscheint eine Publikation, die Installationsansichten aller Kunstwerke, eine Einführung von Stefanie Kreuzer und einen Essay von Heike van den Valentyn enthalten wird.

Details

Zeitraum:
Beginn:
23. September · 11:00
Ende:
6. Januar 2019 · 17:00
Thema:

Veranstaltungsort

Museum Morsbroich
Gustav-Heinemann-Str. 80
Leverkusen, 51377
Telefon:
+49 (0)214 85556-0
Website:
http://www.museum-morsbroich.de

Veranstalter

Museum Morsbroich
E-Mail:
museum-morsbroich@kulturstadtlev.de