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Liu Guangyun

22. November 2019 · 18:0011. Januar 2020 · 16:00

Der französische Begriff Couleur, wortwörtlich mit „Farbe“ übersetzt, meint im übertragenen Sinne die Prägung eines Menschen zu einer geistig-weltanschaulichen Einstellung. Man sagt, jemand sei dieser oder jener Couleur. Entsprechend bezeichnet das Adjektiv „gefärbt“ auf metaphorischer Ebene auch die persönliche Haltung oder subjektive Gesinnung.

In seiner Werkgruppe Original Color (2016 – 2019), die aus Bildwerken und raumgreifenden skulpturalen Anordnungen besteht, sucht Liu Guangyun mittels Anwendung eines Bleichmittels verschiedene Kleidungsstücke und Stoffe zu entfärben. Durch den Farbentzug soll die ursprüngliche Tonigkeit des unbehandelten Gewebes wiederhergestellt werden.

Die Farbabstufungen der Stoffe in Liu Guangyuns Werken lassen unterschiedliche Stadien des Bleichvorgangs erkennen. Ausgeblichene, weißlich blasse Partien kontrastieren mit Stellen tiefdunkler Farbintensität. Da die Entfärbung sich mitunter ungleichmäßig vollzieht, bleiben Farbspuren schemenhaft zurück. Neben den Bildern aus einzelnen, großflächig aufgespannten Stoffbahnen oder mehreren zusammengesetzten Stoffstücken entstehen skulpturale Werke, in denen der Prozess unmittelbar erfahrbar wird. Hier taucht Liu große Stoffballen in Behältnisse mit Bleichmittel, so dass dieses von unten nach oben durch den Stoff dringt und der fortschreitende Farbverlust zu malerischen Verläufen und weichen Übergängen führt.

Liu Guangyun tilgt die spezifische Farbigkeit als charakteristische, jedoch nachträglich zugeführte Eigenschaft eines Stoffes. Mit der Ausbreitung der nivellierenden Helligkeit verblasst, ja verschwindet das Spektrum individueller Nuancen zugunsten der Leere reiner Materialität. Von ihrer Farbigkeit befreit, gehen aus dieser Behandlung alle Stoffe gleichermaßen neutralisiert hervor. Ihre Erscheinung ist durch den Farbverlust vereinheitlicht.

Der Prozess des Ausbleichens zeichnet in seinem rückwärtsgewandten Verlauf den Weg von der Gegenwart in die Vergangenheit nach, bringt die Rückführung eines Originalzustands zur Anschauung. Zugleich markiert dieses Nichts auch einen Neubeginn, die Reinheit eines unbeschriebenen Blattes, Tabula Rasa.

Insbesondere vor dem biografischen Hintergrund von Liu Guangyun entfaltet sich die symbolträchtige Wirkkraft dieser Werke, die im Kontext von Identitätsbildung und kultureller Prägung lesbar werden.

Liu ist 1962 in China geboren und dort aufgewachsen. Seit den frühen Neunziger Jahren pendelt er zwischen der Volksrepublik und Deutschland – wo er mit Frau und Kind lebt – und ist von der westlichen wie östlichen Kultur gleichermaßen geprägt. Seine Zugehörigkeit bleibt uneindeutig, als Reisender
zwischen den Welten erlebt er zugleich An- und Abwesenheit, Fremd- und Vertrautheit, Nähe und Distanz. Zuweilen ermöglicht ihm dieses zwiespältige Verhältnis zu seinen jeweiligen Lebensmittelpunkten die kritische Auseinandersetzung mit überlieferten Vorbildern und Traditionen der beiden so unterschiedlichen Länder.

Während seiner künstlerischen Ausbildung in China erfährt Liu Guangyun die staatlich vorgegebene Orientierung an westlichen Kulturidealen. An den Kunstakademien wird bis heute die Zeichenfähigkeit der Studenten an Bildwerken der europäischen Renaissance geschult. Für die Werkgruppe Portraits (2019) zerlegt Liu Guangyun mit einer Säge Gipsmodelle prominenter Werke westlicher Bildhauerei akkurat in gleichmäßig dünne Scheiben, die wie Kettenglieder durch Draht oder Fleischhaken miteinander verbunden und als Strang aufgehängt werden. Von der Idealform einer Venus, eines Apollo, oder gar der perfekten Statue „David“ von Michelangelo bleiben mehrere Segmente mit sauberen Schnittflächen und unregelmäßigem Rand übrig. Zwar ist hier die vollkommene Figur in ihrer vielgerühmten Einheitlichkeit zerstört, und auch die Präsentation mutet mitunter brutal an, jedoch liegt kein gewaltsames Zertrümmern, sondern vielmehr eine systematische Zerteilung, beinahe ein akribisches Sezieren vor. Liu Guangyun führt das raue, unbearbeitete Innere ebenso vor Augen wie das glatte, ebenmäßige Äußere, Schau- und Kehrseite erscheinen somit gleichwertig. Der Betrachter ist aufgefordert, einen anderen Blick auf die Figuren zu richten, sich von den hohlen Klischees zu befreien.

Liu Guangyun hinterfragt die geistige Haltung hinter dieser akademischen Aneignung von Stilmerkmalen und der damit verbundenen Vermittlung ästhetischer Kriterien. Er äußert seinen Zweifel an der Übernahme des klassischen westlichen Bildungskanons: „Einerseits haben diese Figuren auch mein Ästhetikverständnis mitgeprägt, andererseits stelle ich in Frage, warum diese klassischen, westlichen Figuren immer noch notwendiger Bestandteil der modernen chinesischen Kunsterziehung sind.“ (Liu Guangyun) Die Portraits legen nahe, dass Liu Guangyun die in China praktizierte, zur bloßen Oberflächenbetrachtung eines Idealtypus verkommene Anschauung offenlegt und dieser Wahrnehmung „leerer Hüllen“ eine neue ästhetische Erfahrung entgegensetzt.

Genau wie in Original Color die Farben symbolhaft mit einem Auslöschen von Geschichte, und damit Zugehörigkeit und Identität einhergehen, so erscheinen die Größen der Kunstgeschichte, die Wahrzeichen kultureller Identität ausgelaugt und sinnentleert. Die Segmentierung der berühmten Skulpturen in Portraits weist auf ein Fehlen kulturhistorischer Anbindung – durch den Konsum von Stereotypen bedingt – und damit auf einen essentiellen Bedeutungsverlust. Im Werk von Liu Guangyun sind sie Manifestationen einer fundamentalen Entfremdung von Kultur im medialen Zeitalter, Zeichen des brüchigen Verhältnisses zur Tradition. Jedoch wohnt ihnen auch der kraftvolle Geist einer Freiheit inne, die das Potenzial neuer Sichtweisen, die Dynamik des Anfangs verkörpert. Diesen Nullzustand durchlebt Liu mit jeder Ankunft – in Deutschland, in China – aufs Neue.

Details

Zeitraum:
Beginn:
22. November · 18:00
Ende:
11. Januar 2020 · 16:00
Thema:

Veranstaltungsort

Thomas Rehbein Galerie
Aachener Str. 5
Köln, 50674
Telefon:
0221 3101000
Website:
www.rehbein-galerie.de

Veranstalter

Thomas Rehbein
E-Mail:
art@rehbein-galerie.de