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Victoria Pidust HYBRIDE

28. August · 19:0010. Oktober · 18:00

29. August – 10. Oktober 2020
gefördert durch das Kulturamt der Stadt Köln
Eröffnung Freitag, 28. August 2020, 19 – 22 Uhr
ZERO FOLD, Albertusstraße 4, 50667 Köln
Öffnungszeiten Fr und Sa sowie auf Anfrage
birgit.laskowski@zerofold.de
+49 178 8474786 oder
+49 221 20465917
http://www.zerofold.de

„Fotografie bedeutet für mich, Realität wie mit dem Pinsel aufzunehmen.“
Betrachtet man Victoria Pidusts Bilder, verliert man schnell die Orientierung. Wirre Kollagen in teils explosiven Farben, die vor Plastizität strotzen. Kaleidoskope ohne Symmetrien, die über die zweite Dimension hinauswachsen, hinein in die Wahrnehmung der Betrachter. Farbflächen mit heterogener Oberfläche treffen auf Strukturen oder Objekte, manchmal werden die abstrakten oder auch organischen Formen von fotorealistischen Elementen durchbrochen. Mit ihren vielschichtigen Panoramen entführt Victoria Pidust in einen visuellen Irrgarten, in dem unsere Wahrnehmung aufgewirbelt wird. Unsere Sehgewohnheiten zerbersten, die Suche nach der Identifizierbarkeit von Details hinterlässt mehr Fragen als Antworten – eine Provokation unserer Rezeption von Werken, die mit fotografischen Techniken entstanden sind.

Doch handelt es sich bei den Werken von Victoria Pidust überhaupt um Fotografien oder fotografische Elemente? Und wenn ja, auf Basis welcher Definition von Fotografie? Die Suche nach Antworten auf diese Fragen ist mindestens so komplex wie Pidusts Bilder. Die Künstlerin reflektiert in ihrer Auffassung von Fotografie auf die Überlegungen des deutschen Fotografen und Fototheoretikers Gottfried Jäger (* 1937 in Burg), der im Jahr 1968 den Begriff „Generative Fotografie“ einführte. Bezugnehmend auf den Begriff „Generative Ästhetik“ des deutschen Philosophen Max Bense aus dem Jahr 1965, definierte Jäger darunter bilderzeugende Fotografie auf systematisch-konstruktiver Basis. Beschrieben wurde damals unter den Begriffen die Schaffung rationaler, apparategesteuerter Kunst im aufkommenden Computerzeitalter, die mathematische und numerische Parameter auf künstlerische Projekte anwendet. Die Überlegungen bedeuten damals wie heute eine Fortentwicklung „konkreter“ künstlerischer Ansätze, die Mitte der 1920er Jahre bereits in manche Sparten der Malerei einbezogen wurden.

Pidust konglomeriert Fotografie und Malerei, allerdings unter erweiterten Vorzeichen: Die Künstlerin adaptiert „Generative Ästhetik“ und „Konkrete Kunst“ für ihr künstlerisches Schaffen, in dem sie das Genre der Fotografie aus seinem die Wirklichkeit abbildenden in ein intrinsisch schöpfendes Medium zur Darstellung der Modulation von Wirklichkeit überführt. Im Vorfeld arbeitet sie mit den für die Fotografie charakteristischen Materialien: Licht, generative Prozesse und Apparate, die nicht notwendigerweise Kameras sein müssen, zudem bildgebende Verfahren aus fachfremden Disziplinen. Pidust vereint in ihren Bildern reale, abstrakte und konkrete Darstellungsformen. Die Komponenten ihrer Montagen entstehen nur teilweise durch Fotokameras. Pidust hat die Blende des Fotografiebegriffs maximal geöffnet. Für ihre künstlerische Praxis nutzt sie diverse verfügbare Bildgebungsverfahren und kombiniert diese miteinander: analoge und digitale Fotos sowie 3D-Renderings aus Computerprogrammen zur Erzeugung von Architekturmodellen. Pidust begreift Fotografien im Sinn des Fototheoretikers Enno Kaufhold als Hybride, die sich zwischen natürlich und künstlich bewegen, wie dieser in dem Sammelband „Natürlich Künstlich: Das virtuelle Bild“ (2001) schrieb.

Pidusts Bilder bestehen aus analogen Elementen – den Fundus fotografiert Pidust selbst – sowie aus digitalen Komponenten, bei denen die Künstlerin 3D-Programme einsetzt beziehungsweise für sich arbeiten lässt. Beispielsweise arbeitet Pidust kreativ mit einer Software zum Scannen von Architektur und zur Erstellung von digitalen Modellen für Räume, in dem sie die programmimmanenten Algorithmen stört, die für das sogenannte Pattern-Recognizing zuständig sind. So entsteht Neues, Unerwartetes, der Schaffensprozess verselbständigt sich. Der Computer wird zur kreativen Instanz, Pidust manipuliert wirklichkeitsgetreue Darstellungen mit künstlicher Intelligenz. Der Zufall wird dabei zum zentralen Element, vergleichbar mit dem Farbauftrag in der Malerei, bei den Farben ineinander fließen. Für ihre Montagen bildet Pidust mithilfe der Computerprogramme virtuelle 3D-Objekte, in die sie Bildelemente aus anderen Quellen, beispielsweise selbst fotografiertes Material, einfügt. Pidust bezieht dabei nicht nur starre Objekte, sondern auch fluides, bewegtes Material mit ein, das sie in der Bewegung einfrieren lässt. Die 3D-Objekte dreht die Künstlerin im Rechner und erstellt dann eine Ansicht, die sie letztlich in 2D als fertiges, flächiges Werk ausspielt. So entsteht die enorme Plastizität der Bilder, die charakteristisch für Pidusts Werke ist.

Mit ihren Hybriden, wie Pidust ihre Arbeiten nennt, schreibt die Künstlerin das Kapitel der Generativen Fotografie mit aktuellen Mitteln fort. In ihren barock anmutenden Werken bringt sie mehrere vermeintlich unvereinbare Verfahren zusammen: die Bilder sind gleichzeitig analog und digital, vereinen subjektive und generative Fotografie. Sie entstehen durch menschliches Bewusstsein und künstliche Intelligenz und beschreiben beide Wege von 2D nach 3D wie von 3D nach 2D. Mit dem dadurch entstehenden rechnerischen Informationsverlust lässt Pidust ihre Artefakte entstehen. Hinter ihrem ästhetischen Konzept steht die Idee, unsere Welt mit anderer Wahrnehmung zu spiegeln, bei den Betrachtern eine Realitätsverschiebung zu erzeugen. Ihre intensive Verbindung und Auseinandersetzung mit der Malerei hat Pidust nicht nur über Abstraktionsmöglichkeiten nachdenken lassen, sondern auch, wie man diese auf die Fotografie übertragen kann. Beim Betrachter lösen diese nicht nur Verwunderung und Erstaunen aus, laufen doch erlernte Entschlüsselungsmechanismen ins Leere. Nicht selten endet das Betrachten der opulenten Panoramen in eine Untersuchung der Frage, was auf einem mit fotografischen Techniken hergestellten Bild „echt“ ist. Pidusts Werke stellen nicht nur eine Realtitätsverschiebung auf der visuellen Ebene dar, sondern provozieren ein Nachdenken über tradierte Wahrnehmungsschablonen, bis in philosophische Dimensionen hinein.

Carla Susanne Erdmann

Victoria Pidust ist 1992 in Nikopol in der Ukraine geboren, sie lebt und arbeitet in Berlin. Nach einem Bachelorabschluss in Multimedia- und Drucktechnik an der Polytechnischen Universität in Kyiv, hat sie an der Kunsthochschule Berlin Weißensee zunächst Visuelle Kommunikation und dann Bildende Kunst / Malerei studiert und im Sommer 2020 ihr Diplom erworben. Die Künstlerin hat neben einem DAAD-Auslandsstipendium mehrere Auszeichnungen für Fotografie erhalten und an Ausstellungen in Berlin und in der Ukraine teilgenommen.

(Please find English version below)

Victoria Pidust
HYBRIDS
29 August – 10 October 2020
funded by Kulturamt of the city of Cologne
Opening Friday, 28 August 2020, 7 – 10 pm
ZERO FOLD, Albertusstrasse 4, 50667 Cologne
Opening hours Fri and Sat and on request
birgit.laskowski@zerofold.de
+49 178 8474786 or
+49 221 20465917
http://www.zerofold.de

“For me, photography means capturing reality like a paint brush captures colour.“
When looking at Victoria Pidust’s pictures it is easy to lose your orientation. Confusing collages with at times explosive colours, brimming with plasticity. Kaleidoscopes without symmetry, that expand beyond two-dimensionality and into the viewer’s awareness. Heterogeneous colour surfaces meet structures or objects, at times the abstract or organic shapes are breached by photorealistic elements. With her many-layered panoramas, Victoria Pidust spirits us away into a visual maze, where our perception becomes stirred up. Our visual habits break down, the search to identify the details leaves us with more questions than answers – a provocation to the way we perceive works produced with photographic techniques.

In Pidust’s case, however, are we dealing with photographs or photographic elements? If the answer is yes, then what definition of photography is it based upon? Searching for the answer to this question is at least as complex as her images. In her approach to photography, the artist ponders on the ideas of the German photographer and photo theorist, Gottfried Jäger (born 1937 in Burg, Germany), who introduced the term “generative photography” in 1968. Making reference to the expression “generative aesthetics” credited to the German philosopher Max Bense in 1965, Jäger defined it as image-creating photography with a systematic-constructive basis. What these expression described at the time was the creation of rational, instrument-driven art in the emerging computer age, which applied mathematical and numerical parameters to artistic projects. Back then, as much as today, these considerations represent further developments to “concrete” artistic approaches, which had already been introduced to certain branches of painting, in the mid 1920s.

Pidust combines photography and painting – with an expanded signature, however: the artist adapts “generative aesthetic” and “concrete art” to her artistic creativity, by transferring the genre of photography from something that depicts reality to an intrinsically creative medium for presenting modulations of reality. She prepares her work using characteristic photography materials: light, generative processes and equipment – which does not necessarily have to include cameras –, as well as imaging processes from disciplines outside the field. In her pictures, the artist brings together real, abstract and concrete forms of representation. The components of her montages are only partly produced with photographic cameras. Pidust has opened up the aperture of the concept of photography as far as it will go. In her artistic practise, she applies and mixes a variety of the imaging techniques available: analogue and digital photos, as well as 3D renderings produced by computer programs for architectural models.

Pidust understands photography in the sense given to it by the photo-theorist Enno Kaufhold who, in his anthology, Natürlich Künstlich: Das virtuelle Bild (naturally artificial: the virtual image) (2001), referred to it as a hybrid that moves between the natural and the artificial. Her images are made up of analogue elements (photographed by Pidust herself) and digital components, where the artist uses 3D programs or allows them to work for her. For example, Pidust works with a creative software for scanning architecture and for producing digital models of rooms and spaces, by interfering with the program-immanent algorithms that are responsible for the so-called pattern recognition. This allows something new and unexpected to emerge, the process of creativity has become independent. The computer becomes a creative entity, because she uses artificial intelligence to manipulate true-to-life representations. Chance becomes a central element in the process, similar to the way colours blend together in a painting. For her montages, Pidust works with computer programs to create virtual 3D objects, into which she introduces pictorial elements from other sources, such as material that she herself has photographed. In doing so, she involves not only rigid objects, but also fluid, moving materials that she later freezes. The artist rotates the 3D objects on the computer and then produces a perspective that she ultimately transforms into a finished, two-dimensional piece of work. This gives rise to the enormous plasticity found in the pictures, that is so characteristic of Pidust’s oeuvre.

With her hybrids, as Pidust calls her pieces, the artist uses contemporary means to further write in the chapter on generative photography. In her baroque-like work, she brings together a number of supposedly irreconcilable procedures: the images are both analogue and digital, and unite subjective and generative photography. They are produced through human consciousness and artificial intelligence, and they describe the path from 2D to 3D and from 3D to 2D. With the resulting computational loss of information, Pidust allows her artefacts to emerge. Behind her aesthetic concept is the idea of mirroring our world with other perceptions. It was her intense connection and interaction with painting that led Pidust to ponder on the possibilities of abstraction, but also on how to transfer this to photography. Looking at her work provokes not only amazement and surprise; but furthermore, all known decryption mechanism come up against a wall. As often as not, looking at the opulent panoramas ends up with an examination of what is “real” in a picture produced with photographic techniques. Pidust’s work not only represents a shift in reality on the visual level, but also pushes the viewer to reflect on traditional patterns of perception, right into philosophical dimensions.

Carla Susanne Erdmann

Victoria Pidust was born in 1992 in Nikopol in the Ukraine, she lives and works in Berlin. After a bachelor’s degree in multimedia and printing technology at the Polytechnic University in Kyiv, she studied visual communication and then fine arts/painting at the Berlin Weißensee School of Art and graduated in summer 2020. In addition to a DAAD scholarship for foreign countries, the artist has received several awards for photography and has participated in exhibitions in Berlin and in the Ukraine.

Details

Zeitraum:
Beginn:
28. August · 19:00
Ende:
10. Oktober · 18:00
Thema:

Veranstaltungsort

ZERO FOLD
Albertusstraße 4
Köln, 50667
Telefon:
+49 1788474786
Website:
www.zerofold.de

Veranstalter

Birgit Laskowski
E-Mail:
birgit.laskowski@zerofold.de