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SUSANNE M. WINTERLING: Schwerkraft und Atem – Contrapoints

29. März · 18:0018. Mai · 18:00

SCHWERKRAFT UND ATEM
Contrapoints

“…. the acceleratingly threatening loss of the climatic-ecological
habitat conditions, indispensable to our species survival/realization and continued performative enactment as the uniquely auto-instituting, hybrid mode of living being that we are….”

-Sylvia Wynter

In “Schwerkraft und Atem” zeigt Susanne M. Winterling eine Reihe neuer Arbeiten die sich in Formen, Materialien und Bildkompositionen mit den Veränderungen in unserer Umwelt und Imagination beschäftigen.

Ausgehend von dem sensiblen Gefüge aus Reizen und Reaktionen, welches die Signal- und Informationsübertragung in komplexen neuronalen, ökologischen und digitalen Netzwerken bestimmt und zugleich ihre Störanfälligkeit bedingt, erkennt Winterling dynamische Beziehungsgeflechte zwischen Natur, Körpern, Wissen, Politik, die eine offene, nicht nur um den Menschen kreisende Betrachtungsweise erforderlich machen.

Die Ausstellung fokussiert zum Beispiel Teile der “Biomasse”: Organische Stoffe und Formen die das Leben auf dem Planeten tragen. Im Zentrum stehen oft Mikroorganismen wie z. Bsp. Dinoflagellate . Diese Kleinstlebewesen, die durch Mikrofotografie, Computeranimation, Skulptur, vielfache Formen annehmen, verweben menschliche Handlungsmacht sowie Einflussnahme auf die Biosphäre zu einem Netz der Kommunikation.

Die Installation Miraculous Biomass Fueling Technology (Composition I) 2018, die im Rahmen der Lulea Biennale 2018/2019 erstmals gezeigt wurde besteht aus einer Ansammlung kleiner Güsse aus transparentem Bioharz, die auf dem Boden angeordnet sind und Formen bestimmter technologischer Geräte aufweisen. Es zeichnen sich vom dunklen Grund die Umrisse einer Chipkarte oder eins Netzteils ab. In die Harzmasse eingeschlossen, einem Bernstein ähnlich, sind verschiedene Formen der biologischen vernetzten Lebenswelt entnommen. Das Material (Bioharz) und die darin konservierte biologische Materie tritt hier in ein spannungsvolles Zusammenspiel mit der Form (technische Apparate) und verwebt das (auf Dualismus beruhende) Verhältnis von Biologie und Technologie, sowie Natur und Kultur. Des weiteren wird die kulturelle Aneignung von natürlichen Gütern, ihre Präsentation im institutionellen Rahmen thematisiert und der Bezug zu naturhistorischen Museen – und grundsätzlich dem „System Kunst“ – hergestellt. Diese Ausstellungskontexte beruhen auf Praktiken der Auswahl, sowie Kategorisierung und Kontextualisierung, die immer geprägt sind von herrschenden Diskursen und damit einer hierarchischen Denkweise folgen.

Anhand Winterlings Zusammenführung traditioneller, magisch-emphatischer Erklärungsmodelle und zeitgenössischer Erkenntnisse aus den Wissenschaftsbereichen werden absolutistisch angewendete, differenzbasierte Begriffspaare wie Natur und Kultur nebensächlich. Sie betrachtet das Ungleichgewicht im Miteinander der Lebewesen, in dem sie die Perspektive der bedrohten Spezies einnimmt, um die unmittelbaren, destruktiven Auswirkungen auf den vermeintlich Anderen aufzuzeigen. Winterling wendet den anthropozentrischen Blick – den Anspruch auf kulturelle Aneignung – ab und lässt die Grenzen zwischen den Disziplinen und Kategorien durchlässig werden, um bestehende Machtverhältnisse zu hinterfragen und poetisch zu revidieren. Biologie und Ökologie verschmelzen mit Sozialtheorie, digitaler Kultur und Science-Fiktion. Contrapoints bezieht sich zudem auf den Youtube-Kanal, der die als gesellschaftliche „Norm“ ausgeübten Gegensätze von körperlichen und geschlechtlichen Entitäten zugunsten fließender Zustände hinfällig werden lässt und so zum „Lichtblick im Kulturkrieg, in dem wir uns befinden“ (Winterling) wird.

Fortschritt hat sich längst zum Rückschritt gewandelt, auch und gerade in Bezug auf Intersektionalität und das “Andere”. So sind einige Arbeiten in Schwerkraft und Atem von der Poetin und Meeresbiologin Rachel Carson und der Science Fiction Autorin Octavia Butler inspiriert.

Cosmo Algae (2019) bildet die Hand der Künstlerin ab, auf deren Fläche eine Kugelalge liegt. In der glatten, nassglänzenden Oberfläche spiegelt sich die unmittelbare Umgebung, insbesondere lässt sich bei näherer Betrachtung der Himmel und flockige Wolken in einer durch die konvexe Wölbung bedingten Verzerrung erkennen oder aber ist es der komplexe Zellkern? Winterling greift das Interesse des Künstlers für die Wissenschaft und für optische Phänomene auf und reiht sich damit auch in die Tradition der Kunstgeschichte ein, während sie gleichzeitig ein emphatisches Interesse am Material zum Ausdruck bringt. Auch hier wird im erweiterten Zusammenhang der manipulierte Blick impliziert, die Anfälligkeit der Wahrnehmung bzw. eingeschränkte Betrachtungsweise durch die einseitigen Vorgaben von Wissenschaft und Politik.

Das materialisierte Zusammenwerden von Kleinstlebewesen und Mensch ist eine übergeordnete, universelle Gemeinschaft. Diese Veranschaulichung der Gemeinschaft fernab eines Grenzen generierenden Kategoriedenkens findet sich im Zentrum von Schwerkraft und Atem. Werke in Glas und Cluster-Arrangements verweisen portraitartig auf den Organismus unserer Beziehungsformen und das Zusammenspiel von Existenz und sozialer, mentaler Ökologie in nicht immer zeitlicher Gegenseitigkeit und Abhängigkeit.

„The more clearly we can focus our attention on the wonders and realities
of the universe around us, the less taste we shall have for destruction.“

-Rachel Carson

Über die Künstlerin:
Susanne Winterling ist 1970 in Rehau, Oberfranken, geboren, wo sie heute lebt und arbeitet.

Zu den bedeutendsten Ausstellungen und Projekten jüngster Zeit gehört Nature after Nature, Friedericianum Kassel (2014), die von Susanne Pfeffer kuratiert wurde. Daran schließen sich folgende Schauen im In- und Ausland an: Complicity, Kunstverein Amsterdam (NLD) (2014), Myths of the Marble, HOK, Oslo (NOR) und ICA Philadelphia (USA) (2017), An Inventory of Shimmers, MIT List, Boston (USA) (2017), Polyphonic Worlds: Justice as Medium, Contour Biennale, Mechelen (B) (2017), Lulea Biennale (SWE) (2018), Gravitational Currents and the Life Magic, Empty Gallery (HKG) (2018), Barents Spectacle, Kirkenes (NOR) (2019).

Arbeiten der Künstlerin sind außerdem aktuell zu sehen in folgenden Ausstellungen: Between Bodies am Henry Art Museum, Washington (USA), Leben mit Pflanzen im Deutsches Hygiene Museum, Dresden, und Suddenly gave the effect of sunlight in der Melk Galleri, Oslo (NOR).

http://pandorasbox.susannewinterling.com
http://www.susannewinterling.com

Details

Zeitraum:
Beginn:
29. März · 18:00
Ende:
18. Mai · 18:00
Thema:

Veranstaltungsort

Parrotta Contemporary Art
Brüsseler Str. 21
Köln, 50674
Telefon:
0221 528642
Website:
www.parrotta.de

Veranstalter

Bettina Haiss
E-Mail:
bettina.haiss@parrotta.de