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Eröffnung: MAX KREIS I don´t listen to the news no more

28. Januar · 18:0022:00

Üblicherweise bezeichnet der Begriff Uncanny Valley die Akzeptanzlücke, der Menschen begegnen, wenn sie es mit künstlichen Wesen zu tun haben: Robotern oder simulierten Bildern. Je näher die Nachahmung der Wirklichkeit kommt, desto unbehaglicher wird es – jenes unheimliche Gefühl, das der japanische Roboterforscher Masahir Mori zuerst in den 1970ern beschrieben hat. Unbelebt und fremd scheint das Gegenüber dann. Bloß, was wenn sich das Uncanny Valley auf den Großteil unserer visuellen Kultur ausweiten ließe, wenn das kurze Zögern am Bild in Zukunft unmerklich zum Blick auf die Welt wird?

Max Kreis nutzt Werkzeuge, die allein schon wegen ihrer Funktion mehrdeutige Positionen einnehmen: zwischen Kunst und Code, zwischen Mensch und Maschine. Er macht die resultierenden ambivalenten ästhetischen Kategorien für seine Arbeit produktiv. Der Künstler erstellt Generative Adversarial Networks – kurz GANs –, also parallel geschaltete Algorithmen, um Bilder zu erzeugen. Ein generator und ein discriminator arbeiten miteinander und gegeneinander. Dabei tut der generator zunächst nur eins: Er generiert Rauschen, Pixel für Pixel, Zufälle entlang des RGB-Farbraums. Der discriminator unterscheidet und lernt. Was für ein Bild wurde da gemacht? Ein Baum, ein Mensch, ein Tier? Er gibt seine Ergebnisse an den generator weiter, der immer besser darin wird, zielgerichtet Bilder zu erzeugen. Den Prozess kann man als Autopoiesis verstehen, als ein in sich geschlossenes System, das sich durch Evolution aus Chaos und unendlichem Möglichkeitsraum selbst entwickelt – beinahe zumindest. Am Anfang steht der Code.

Die Bilder, die Kreis in diesem geschlossenen System erzeugt, sind nicht einfach der Versuch einer möglichst genauen Mimesis. Der entscheidende Schritt in GANs ist nämlich, dass sie als Grundlage einen segmentierten Datensatz haben, der hier aus Handyfotos besteht, aufgenommen zwischen 2009 und 2020, die dann von vier Algorithmen neu gezeichnet werden. Die Bilder sind synthetisch – aber untrennbar mit persönlicher Erinnerung verbunden. Wenn ein Bild zu glatt ist und zu sehr einem Foto ähnelt, lässt der Künstler lückenhafte Bilddateien erneut von einem Neuronalen Netzwerk bearbeiten, das Leerstellen füllt, Pixel dazu erfindet und aufgrund erlernter Parameter die Fiktion eines besseren Fotos schafft. Das Ergebnis ist paradox. Die Bilder bekommen eine malerische Qualität, als würde der Algorithmus sich ein paar Schritte vor und zurück in der Kunstgeschichte bewegen, von der Mimesis zur Selbstreferenzialität, von der Raumillusion zur Flachheit der Aluminiumplatte. Formal sind die Bilder seltsam vertraut. Sie sind komponiert wie Landschaften oder Portraits, aus dem Augenwinkel glaubt man etwas zu erkennen: Objekte und Fluchtlinien, Spiegelungen wie bei impressionistischer Malerei, Himmel, Chiaroscuro. Die Fremdheit stellt sich erst im zweiten Schritt ein.

Es steht bei Kreis mehr auf dem Spiel, als das Suchen nach dem Moment, in dem das Vertraute in den Grusel kippt. Komplexe, geschlossene Systeme strukturieren das Verhältnis zu unserer Umwelt. Selbstlernende Algorithmen optimieren Porträtaufnahmen in Handykameras und kappen den ohnehin dünnen referentiellen Zusammenhang von Foto und Wirklichkeit. Datensätze, die benutzt werden, um GANs zu trainieren, enthalten die Vorurteile ihrer Entwickler*innen, und zu den großen Mythen der KI gehört, dass sie autonom und neutral die Welt abbilden könne. Ein Zweifel am Bild gehört zu dem ambivalenten Gefühl, dass sich nur schwer beschreiben lässt. Aber gerade hier, im extrem verlangsamten Erkenntnisprozess, sucht Kreis nach dem ästhetischen Druckpunkt der selbstlernenden Systeme.

Text: Philipp Hindahl

Ausstellung bis 11. März 2022

Max Kreis, 1990 in Wiesbaden geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Er studierte an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main Elektronische Medien. I don´t listen to the news no more ist seine erste Einzelausstellung und schließt an das von Max Kreis mit initiierte Forschungsprojekt AIC Algorithms in Context an der HfG Offenbach an, einer Plattform die den Wissensaustausch und die kritischen Auseinandersetzung zum Thema Algorithmen fördern soll.

Werke von Kreis werden auch in der Ausstellung „DAS GEHIRN – In Kunst und Wissenschaft“ in der Bundeskunsthalle in Bonn vom 28. Januar – 26. Juni 2022 gezeigt.

Die Eröffnung findet unter den gültigen 2G-Plus-Regeln und mit Maskenpflicht statt.

Details

Zeitraum:
Datum:
28. Januar
Zeit:
18:00 – 22:00
Thema:
,

Veranstaltungsort

Galerie MARTINETZ
Moltkestr. 81
Köln, 50674
Telefon:
0177 5809048
Website:
www.petramartinetz.de

Veranstalter

Petra Martinetz
E-Mail:
mail@petramartinetz.de