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MARY-AUDREY RAMIREZ: Scrolling and crying

25. März 2017 · 18:0025. April 2017 · 18:00

Wir freuen uns mit „Scrolling and crying“ die zweite Solopräsentation von Mary-Audrey Ramirez bei MARTINETZ ankündigen zu dürfen.

Eröffnung: Samstag, 25. März 2017, ab 18 Uhr
Ausstellung bis 06. Mai 2017

Was ist dem Menschen das Tier? Eine Alltagsressource, die wahlweise Nahrung oder Nähe spendet? Ein Ausstatter für Ledersessel, damit wir uns weiterhin in unserer Komfortzone zurücklehnen können? Das Sehnsuchtsbild einer Natur, in die wir selbst nicht mehr zurückfinden? Wenn Mary-Audrey Ramirez Stofftiere näht, mit Sprayfarbe besprüht und mit Kunstpelz, Lack oder Latex überzieht, fließen all diese Aspekte zusammen. Sie bilden Erinnerungen an das Archaische, an eine triebhafte, unkontrollierte Welt, die jedoch gleich wieder verpuffen: Zu tief sind die Entfremdungsgefühle seit Beginn der Moderne in uns eingesunken, zu schläfrig ist der Ennui der Generation Y. In ihrer gebastelten und geklebten Künstlichkeit verweisen Ramirez’ Tiere auf eine Conditio Humana, in der sich Komfort und Klaustrophobie, Perfektionsdrang und Natursehnsucht, Künstlichkeit und Authentizität im ständigen Widerstreit befinden. Ihre Ameisenbären, Gottesanbeterinnen, Spechte, Hasen, Flamingos oder Stachelschweine sind wild und gezähmt, niedlich und brüchig, knuffig und abgründig, heiter und kaputt zugleich. Dass man mit ihnen interagieren, sie vor dem Körper tragen, mit ihnen Gummitwist spielen oder am Reck turnen kann, verweist auf eine kindliche Intuition, die sich beim Tier wie beim Menschen in körperlichen Reaktionen zeigt. Allerdings kommen uns reale körperliche Herausforderungen oder Bewegungsabläufe zunehmend abhanden. Die neuen Technologien verlagern den Körper immer mehr in den virtuellen Raum, steuern ihn in einen Zustand physischer Unselbstständigkeit, erschöpfen ihn aus sich selbst heraus und kaum noch durch äußere Anstrengungen. Mary-Audrey Ramirez’ Bestiarium ist dagegen voller Arten, die in freier Wildbahn auftauchen. Sie sind keine Haus- oder Nutztiere, sondern verkörpern den maximalen Widerspruch zu unserem domestizierten Dasein. Als exotische, seltsame, eigenwillige Kreaturen sitzen sie in den existenziellen Zwischenräumen des 21. Jahrhunderts, in dem wir uns aus der Natur verabschiedet, aber noch keinen Weg gefunden haben, uns in ihrem Gegenteil wohlzufühlen. Die kleinen Roboter, die Ramirez in Raupen, Skorpione oder Ameisen einsetzt, verleihen den Tieren schematische Bewegungen, die sie zur ihrer eigenen Antithese machen – das Archaische weicht vollends der Künstlichkeit und Technik. Ebenso die Tierapplikationen auf den Sweatshirts: Sie erinnern an virtuelle Figuren aus der Play-Station. Tatsächlich hat Ramirez bereits zwei Apps entwickelt, in denen der User mit Stachelschweinen und Flamingos durch den Raum navigieren kann – die Spiele demonstrieren die totale Übersteigerung einer Sehnsucht nach Freiheit und Wahrhaftigkeit, nach einer irrealen Existenz jenseits körperlicher Beschränkungen. Doch Ramirez’ Welt bleibt eine Dystopie. Ihre Tiere sind erschöpfte Zeugen des verlorenen Wilden, synthetische Souvenirs unserer ewigen Zivilisationsmüdigkeit. Der digital ermattete Mensch sehnt sich nach alten Trieben – und verfängt sich doch nur in Träumen.

Gesine Borcherdt

Gleichzeitig eröffnen in der Moltkestr. 81 die Ausstellungen:
Pia Witzmann mit Carola Ernst
Bene Taschen mit Miron Zownir



Details

Beginn:
25. März 2017 · 18:00
Ende:
25. April 2017 · 18:00
Veranstaltungskategorien:
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Veranstaltungsort

MARTINETZ
Moltkestr. 81, Hinterhaus, 1. Etage
Köln, 50674
Telefon:
0221 25 91 41 07
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